12. September 2012

Die dOCUMENTA (13) & ein Fernsehtipp

gebloggt von: Eva
dOCUMENTA(13)

Eigentlich bin ich gar keine Museumsgängerin. Oder Kunstkennerin. Trotzdem war ich am Wochenende auf der dOCUMENTA (13). Auch weil ich im Kasseler Umland aufgewachsen bin und vielleicht auch in einem Anflug von Lokalpatriotismus wollte ich mal gucken, was dort so los ist. (War zuvor erst einmal dort.) 

Zunächst mein Tipp für alle Last-Minute-Besucher: Wenig Vorbereitung und zu den Pätzen "Abseits der Hauptschauplätze" gehen. Am entspanntesten war in der Tat meine komplette Unvorbereitung: Generell meine liebste Art Dinge zu entdecken. Man kann gar nichts verpassen oder nicht schaffen. Kein Stress. Kein Entlanghangeln an einem festgegebenen Plan (was ich sonst immer gerne tue), sondern sich einfach treiben lassen. 



Mein Kunstverständnis mag etwas simpel erscheinen: Es muss mich berühren, irgendetwas mit mir machen, mich in den Bann ziehen, oder abstossen, zum Nachdenken bringen, Dinge in meinem Kopf in Frage stellen. Daher kann ich keine qualifizierte Kunstinterpretation liefern, sondern nur meine subjektiven Eindrücke.

Jalousien
Jalousien, Haegue Yang, Kulturbahnhof
Zumindest mir war dabei manchmal gar nicht richtig klar, was auf der dOCUMENTA eigentlich das Kunstwerk ist und warum. Aber alle Ausstellungen und Projekte (oder den Raum darum), die ich gesehen habe, haben immer verschiedene Sinne erfasst, den Besucher mit in sich aufgenommen und  herausgefordert. Viel ganzheitlicher als ein Kunstwerk, das "nur" an der Wand hängt. (Nicht, dass ich diese nicht wertschätze.): Klanginstallationen, Videoräume, verrückte Bauten oder Erdhügel, Spiel mit Hell und Dunkel, komplette Einbindung des Raums in das Kunstwerk und anders herum. Toll und beeindruckend. Wenn man sich darauf einlassen möchte, kann vermutlich jeder etwas finde, das beeindruckt. Denn natürlich stand ich auch vor so manchen Dingen und dachte mir meinen Teil.

Auf der Suche nach der nächsten Ausstellungsstätte habe ich so viele neue Ecken von Kassel gesehen dabei auch nicht immer die schönsten. Davon gibt es leider in Kassel auch nicht soviel. Ein Event wie die documenta kann aber selbst eine Stadt wie Kassel irgendwie charmant machen.

Aufgetürmt
Aufgetürmt,  Lara Favaretto, Kulturbahnhof
Neben den großen und bekannten Ausstellungsräumen gibt es auf der documenta viele Orte, die auch kleine, angegliederte Ausstellungen zu Gast hatten. Dabei waren auch Räumlichkeiten, bei denen man das im ersten Moment nicht vermuten würde, wie zum Beispiel die Kasseler Handwerkskammer, das Ständehaus, viele sympathische Programmkinos oder auch ganz platt das C&A in der Innenstadt. 
Plötzlich sitzt man in einem kleinen abgetrennten Bereich des Foyers der Handwerkskammer und hört sich Audiobeiträge von Künstern an, die sich mit Kassel und dem Umland auseinander gesetzt haben. Oder man geht in das ungenutzte Obergeschoss von C&A und taucht plötzlich in eine Beatwelt ein, die  an jedem Ort im Raum unterschiedlich erfahrbar wird. 
Reduziert
Reduziert, C&A Dachgeschoss, Cevdet Erek
Übrigens: Bei der ganzen Internationalität, die das Kasseler Stadtbild sehr zum Positiven beeinflusst, haben sich bei dieser documenta viele Künstler lokaler Themen angenommen. Das war mir bei der bisherigen Berichterstattung irgendwie durchgegangen. 

Lokal geprägt war auch das Projekt, das mich am meisten mitgenommen und gefesselt hat. Fast 1 1/2 Stunden habe ich in dem dunklen Filmraum von Clemens von Wedemeyer verbracht. Sein Projekt namens Muster (Rushes) besteht aus drei Leinwänden, die in Form eines Dreiecks angeordnet sind. Parallel laufen auf den Leinwänden drei Filme, die alle denselben Handlungsort haben - nur zu anderen Zeiten. Damit hört man permanent den Ton der anderen Filme, was zu Beginn sehr irritierend war. Handlungsort ist ein ehemaliges Kloster Breitenau in der Nähe von Kassel, das während der Nazi Zeit ein "Arbeitserziehungslager", später ein Mädchenerziehungsheim und darauf psychiatrische Klinik war. In den ca. 20-minutigen Filmsequenzen wird das Gebäude in verschiedenen Zeiten gezeigt. Die erste Sequenz zeigt das Gebäude zum Ende des zweiten Weltkrieges, als Amerikaner das Lager besetzten und einnahmen, die zweite beim Dreh des Films Bambule von Ulrike Meinhoff zu Zeiten des Mädchenerziehungslagers. In der dritten Sequenz besucht eine pubertierende Schulklasse in der Jetztzeit den geschichtsträchtige Ort und setzt sich auf ihre Art, die nicht die des Lehrers ist, mit der Geschichte des Gebäudes auseinander. 
Tolle Filme mit tollen Darstellern, die Fragen aufwerfen wie: Welchen Einfluss haben die vergangenen Ereignisse auf einen Ort und die Menschen? Was passiert wernn verschiedene Realitäten aufeinander prallen? Mal wieder: Was ist eigentlich diese Realität? Können Erzählungen und Geschichte jemals objektiv sein? Sollten Sie das überhaupt?
Sehr spannend waren bei den Filmen auch die Vermischung aller dargestellten Ebenen: Die Darsteller aller Filme waren die gleichen, hatte teilweise darin auch die gleichen Namen, in einer Sequenz wurde das Stück Bambule von Ulrike Meinhof gedreht, in einem noch immer in betriebenen Mädchenheim, in einer anderen Sequenz schaut einen Schulklasse den Film beim Besuch des Gebäudes. Parallel wird in allen Sequenzen die Geschichte vor 1945 verhandelt, in drei komplett unterschiedlichen Art und Weisen. 
Und da passt doch gleich noch ein kleiner Fernsehtipp: Am 15. September 2012 zeigt 3Sat die drei Filme. Ob das allerdings im Fernsehen auch so beeindruckend wirkt, kann ich nicht versprechen. 

Hipster
Sehr begeistert haben mich generell die Räumlichkeiten, in denen die die Ausstellungen stattfanden. Vorher war ich zum Beispiel nie in dem Kulturbahnhof in Kassel: Beeindruckende alte Bahnhofshallen, die unglaublich viel Platz bieten - auch um einfach einmal eine alte Halle leer zu lassen und die Sonnenstrahlen durch die alten Metalltore voll zu Geltung kommen zu lassen - geplant oder nicht.
Wegen der langen Schlange war ich weder in der documenta Halle noch im Fridericanum. Ich habe mich lieber auf der Wiese davor in die Sonne gesetzt und beim Besuch des documenta book stores ein fantastisches Buch gefunden. Passenderweise hat die documenta übrigens die Hipster-Quote in Kassel überproportional stark erhöht.


Liebe documenta Besucher
Liebe documenta Besucher
Als ich dort so auf der Wieser herumsaß, konnte ich eine Journalistenmeute beobachten, die einen Künstler dabei umringte, filmte, fotografierte, als er offensichtlich als Kunstaktion einen Hasen auf den Rasen setzt , im Hintergrund ein Schild auf dem steht: "Der Hase lebt.". Neben dem Auflauf halten die Occupy Protestanten eine Diskussionsrunde mit documenta Teilnehmern ab. Sie haben übrigens auch Kunstwerke beigesteuert. Zum Beispiel einen rosa Panzer aus Pappe. Wunderbar  abstruse und kreative Mischung!


Alle, die es noch schaffen, fahrt doch noch nach Kassel! Aber macht euch vorallem nicht zu viel Stress damit. Vielleicht setzt ihr euch einfach auf den Rasen vor dem Fridericanum und beobachtet. :)

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