22. September 2012

Tarifa – Walfische, fließend Wasser und andere Sehenswürdigkeiten

gebloggt von: Nora
Wir haben uns fürs spanische Tarifa entschieden, weil wir Sonne brauchten und gutes Essen wollten und weil Möchtegerncooler-Surfer-Dude immer noch besser klingt als Plattenhaussiedlungs-style-Urlaubsbetonwüste. 



Wir wollten uns entspannen und das Gehirn komplett auf Leerlauf lassen. Wir konnten nicht ahnen, dass dieser Urlaub so einiges an Herausforderungen mit sich bringen würde.


Kaufst Du billig, wartest Du lange
In Malaga angekommen warteten wir 3 ½ Stunden auf unseren Goldcar-Mietwagen, zusammen mit ca. 200 anderen begeisterten Kunden, die sich zuhause beim Buchen des 10 Euro günstigeren Deals alle ziemlich clever vorkamen und auf dem Malaga Airport ziemlich dämlich aus der Wäsche guckten. Pete's (Engländer) Fahrkünste auf der rechten Seite des europäischen Straßenverkehrs trugen dann auch nicht zu meiner Entspannung bei. Zum Glück lichtete sich der Verkehr sehr schnell, denn unser Navi hat einen Deal mit dem spanischen Maut-Verein und mir nichts Dir nichts wurden wir von Malaga bis Tarifa um 21 Euro Autobahn-Gebühr erleichtert.

Lebensweisheiten oder don`t get me started on finances
Unsere Unterkunft war ein kleiner Bungalow, vermietet von Brian und Penny – englische Auswanderer, die sich entschieden haben schicke Gartenlauben an Touristen zu vermieten, nachdem die internationalen Finanzmärkte zusammenbrachen. Wie das zusammenhängt? Nun ja, vorher haben da die Ex-Kollegen und Freunde von Brian Urlaub gemacht, aber die sind jetzt megabusy am Finanzmärkte wieder einigermaßen aufhübschen und können keinen Urlaub mehr machen. Und da hat Brian, der auch mal in der Branche gearbeitet hat und entgegen seines Mantras „Don`t get me started on finances“, ganz schön viel über Finances redet, sich gedacht: Die kann man doch auch an Touristen vermieten. Einmal Ökonom, immer Ökonom. Brian und Penny mögen Lebensweisheiten. Kaum ein Blumentopf oder ein Pfosten in ihrem Garten ohne tiefgründige Botschaft. Kommt man die Schotterstraße zu Ihrem Grundstück hochgefahren, weist ein Schild in ihre Auffahrt: „Carpe Diem“, bitte rechts abbiegen. Amen.

Wie viel Wasser braucht man zum Spülen einer Toilette?
Da waren wir nun, erschöpft, stinkend, aber bereit den Tag zu nutzen. Nun ja, leider gab es in Tarifa kein fließend Wasser. Wie sich später herausstellen sollte, gab es das auch für die nächsten zweieinhalb Urlaubstage nur temporär und nie zu dem Zeitpunkt, an dem wir duschen wollten. Unser redegewandter Vermieter erklärte den Wassermangel mit dem einwöchigen Jesus-Fest, zu dessen abschließenden Höhepunkt wir in Tarifa angekommen waren. Nach einer Katzenwäsche im Pool wollten wir dann nur mal schnell was essen gehen und wurden prompt von einer Schar von Jesus-Fans eingekesselt, die festlich gekleidet auf eine Prozession warteten. Wir flüchteten ins nächstgelegene Restaurant, das trotz komplett zugestopfter Stadt überraschend leer war. Die Qualität des Essens löste das Mysterium auf.

Leider dauert eine solche Jesus-Prozession länger als man denkt und die legen auch andauernd Pausen ein – ohne ersichtlichen Grund. Zum Quatschen? Keine Ahnung, gesellig sind sie ja die Spanier. Nun ja, da Pete und ich weder Jesus-Fans sind noch sonderlich auf Umzüge stehen, haben wir dann versucht uns möglichst unauffällig und interkulturell sensibel zurückzuziehen. Hat aber nicht so gut geklappt. Die spanischen Omas standen kompakter als Plattenhaussiedlungs-style-Urlaubsbeton. Also haben wir eine Pause im Umzug genutzt und uns Slalom-artig durch die „Darsteller“ vorwärts bewegt. Beliebt haben wir uns nicht direkt gemacht, aber das war ja auch nicht das erklärte Urlaubsziel.

Der Wassermangel war nicht besonders romantisch. Wir spülten die Toilette mit Pool-Wasser und das Meer war unsere Dusche, aber das war im Endeffekt alles nicht so wild. Eine Rückzahlung konnten wir am Ende nicht wirklich beantragen, denn wir haben es im Laufe unseres Urlaubs geschafft ihre Kaffeemaschine, ihren Sonnenschirm und Teile ihres Geschirrs zu zerstören.

Ich entschuldige mich vielmals Herr Reiseleiter
Und dann war da noch die Sache mit dem Reiseführer. Pete hat mich mit seiner Fixierung auf Reiseführer schon das ein oder andere Mal zur Verzweiflung gebracht. Nicht das ich was dagegen hätte, wenn Pete sich darin festliest. Nein, im Gegenteil, er kann sich da festlesen solang er will. Es geht darum, wenn er versucht mich in die Recherche einzubinden. Ich hasse Reiseführer wie die Pest, lese lieber Gebrauchsanleitungen. Und da hat Pete sich entschieden, dass mit dem Reiseführer mal einen Urlaub lang sein zu lassen. Was dazu führte, dass wir 3 Tage lang ziemlich schlecht gegessen haben und dann einiges an Geld für die Online-Dienste von Tripadvisor ausgaben. I tell you: Don't ditch your Reiseführer. Wir haben auch einige Male Penny und Brian um Rat gebeten, aber wenn Du Pech hattest, musstest Du dann über die internationalen Finanzmärkte reden. Ein schrecklich deprimierendes Thema.

Ist shitter die Steigerungsform von shit?
Penny hatte einen fantastischen Tipp: Erst Bodyboarden am Strand El Palmar und dann in die Stadt Vejer de la Frontera zum Abendessen ins Restaurant Jardin del Califa (schwer zu finden, da sich das Restaurant unter einem Schnellimbiss mit dem selben Namen befindet). Köstliches arabisches Essen und Nachspeisen – himmlisch. Ich wusste gar nicht, wie gut nordafrikanische Süßgkeiten schmecken, wenn man 70% des Zuckers weg lässt. Aber hatten wir an dem Tag wirklich soviel Glück?










El Palmar war superschön und beim Bodyboarden habe ich vor Freude geschrien wie ein kleines Kind. Leider wurde während des Bodyboardens auch unser Geld geklaut, was wir festellten, nachdem wir den Mietwagen durch die höllisch engen Gassen von Vejer de la Frontera gefahren hatten und dabei mit einem der Außenspiegel eine Hauswand streichelten. Was kann da die Stimmung retten? Sich den großen Zeh am schönen Kopfsteinpflaster aufsebeln. Jipiee. Pete fand meine Selbstmitleids durchtränkte Schimpftirade „Could that shit fucking holiday get any shitter? Fuck!“ dann doch so inspirierend, dass er mich in den Folgetagen mehrfach zitierte. Mit einem hoffentlich übertriebenen deutschen Akzent.

120 Euro ärmer, mit einer offenen Wunde am Fuß und mit einem zum Glück kaum sichtbaren Kratzer am rechten Außenspiegel kehrten wir nach Tarifa zurück. Als wir dann am Abend Penny unser Leid klagten und ich schon drauf und dran war den Glauben an die Menschheit total zu verlieren, hat sie was gesagt, das viel weiser war als all die 300 Sprüche auf dem Gelände zusammen: „Lasst euch von dem Diebstahl nicht runter ziehen oder lasst ihn nicht euer Vertrauen gegenüber Mitmenschen beeinflussen. Sonst erlaubt ihr einem Idioten und 120 Euro euer gesamtes Leben zu beeinflussen. Und das wäre doch Blödsinn.“ Recht hat die Frau.

Geschmeckt hat es auch
Danach hatten wir auch ziemlich viel Glück. Wir haben fantastisch gegessen (El Frances, Tapas Bar in Tarifa) und fantastische Strände besucht (Bolonia, Arte Vida, Zahara de los Atunes) und mein Zeh heilte schon nach 4 Tagen in der Plastiktüte. Und wir haben sehr viel im Cafe Central gesessen, wo halb Tarifa sitzt, weil man da Preis-technisch eine Zeitreise machen kann. Oder wann habt Ihr das letzte Mal 4,10 EUR für 3 Getränke bezahlt? Richtig nett. Richtig blöd war nur noch die Whale-Watching Tour, bei der wir nur ein paar afrikanische Fischer-Boote, 7 Möwen und sehr viel Nebel gesehen haben. Geholfen hat da auch nicht, dass der Wal-Typ uns versicherte, dass das in diesem Jahr erst zum zweiten Mal vorkommt, das jemand so ein Pech hatte. Herrlich.

Unterm Strich kann ich Tarifa nur empfehlen, und Tapas und Bodyboarden. Aber nehmt einen Reisführer mit, haltet Euch fern von Jesus-Fans und unterschätzt niiiemals die Scharfkantigkeit von spanischem Kopfsteinpflaster. Oder hebt beim Gehen eure Füße. Diese Weisheit könnt Ihr auch gerne zitieren.

Kommentare:

  1. Grandioser Reisebericht! :D Neben dem obligatorschen Mitleiden (natürlich) musste ich die ganze Zeit vor mich hin lachen und kichern. Der Lehrer hat deswegen sogar seine Arbeitszimmertür geschlossen.

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  2. So ging's mir auch! Sehr authentisch & unterhaltsam :-). Der arme Zeh!

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  3. Hallo Nora, liebe Grüße aus PB von Rikes Mama. Ich hoffe dir gehts gut in GB. Von Rike habe ich gehört, dass ihr im blogspot seid.
    zzt. habe ich Obstzeit; man kann hier in denn Feldern an öffentl. Wegen Äpfel pflücken - habe schon Apfelsaft und Gelee sowie Kompott gemacht und auch Äpfel in Keller gelagert. Etwas habe ich auch im Garten, die Tomaten sind jetzt zu Ende; Himbeeren sind noch bis Oktober, da mache ich auch Gelee. Sonst gibt nicht viel Neues. Bis demnächchst mal. Liebe Grüße Christa

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  4. Danke Christa! England gefällt mir gut, vor allem Brighton ist klasse. (: Vielleicht kann sich Rike ja ein Kompott-Rezept von Dir abgucken, für den Blog. Best Grüße, Nora

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